Seniorenbegleiter – Pfleger der Seele
Ausgangslage
Menschen erreichen heute ein immer höheres Alter, die Zahl und der Anteil älterer Menschen steigt dadurch auch in Zukunft kontinuierlich an.
Bad Nauheim ist eine Stadt mit überdurchschnittlich vielen älteren Einwohnern. Das Durchschnittsalter betrug 2006 45,8 Jahre, im hessischen Mittel waren es 42,5. In der Vorhersage wird sich dieser Wert für Bad Nauheim bis 2020 auf 50,0 Jahre erhöhen, während der hessische Durchschnitt bei 45,7 Jahren liegen wird (Bertelmannstiftung, Wegweiser Kommune, 2008).
Die Familien wohnen außerdem in unserer Gesellschaft immer weiter auseinander und können sich daher im Alltag weniger austauschen, unterstützen und entlasten. Das Modell „Groß-Familie“ gibt es kaum noch. Traditionelle Nachbarschaften, nehmen durch kürzere Wohndauer an einem Ort auch ab.
Auf der anderen Seite gibt es heute ein großes Potenzial an Menschen die bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren. Nach den Untersuchungen des Freiwilligensurvey von 1999 und 2003 wäre mehr als ein Drittel der Befragten bereit, sich zu engagieren und von den bereits ehrenamtlich Tätigen gaben mehr als ein Drittel an, unter günstigen Voraussetzungen das eigene Engagement auszuweiten. Die Motive dazu sind eine Mischung aus selbst- und fremdbezogenen Interessen. Die Tätigkeit soll eine Herausforderung darstellen und eine Möglichkeit zur Persönlichkeitsentwicklung sein und für das Gemeinwohl eine Bereicherung darstellen.
Ein professioneller organisatorischer Rahmen, Austausch mit anderen und der Schutz einer Trägerorganisation tragen zur Akzeptanz des Engagements bei.
Diese beiden anscheinend gegenläufigen Tendenzen zusammenzubringen bedeutet, Zukunftsperspektiven zu schaffen für eine Gesellschaft, in der die einzelnen Menschen bereit sind, für einander einzustehen und sich zu unterstützen. Es ermöglicht mehr Menschen, trotz Einschränkungen zu Hause zu leben. Dies trifft besonders zu auf die Menschen, die als pflegebedürftig nach § 45 in die Stufen I,II,III durch den Medizinischen Dienst eingestuft sind und auf die damit mögliche Entlastung der pflegender Angehöriger.
Die Idee zur Etablierung von Seniorenbegleitern
Die Situation alleinstehender Menschen nach einem Krankenhausaufenthalt und die Einsamkeit im Alter war Thema im Seniorenbeirat der Stadt, an dem auch die Vertreter des Freiwilligenzentrums – „aktiv für Bad Nauheim e.V.“ und Fachdienstes „Soziales“ der Stadt Bad Nauheim teilnahmen. Recherchen in der folgenden Zeit und Bestandsaufnahmen der Bedarfe vor Ort führten zu einer ersten Ausbildung von Seniorenbegleiterinnen im Rahmen der allgemeinen Qualifizierung Ehrenamtlicher durch das Freiwilligenzentrum im Jahr 2007/8.
Bereiche und Situationen, in denen Seniorenbegleiterinnen gebraucht werden:
l Viele alte Menschen leben in Bad Nauheim ohne persönliche Beziehungen. Viele sind einsam; der Lebenspartner gestorben und die „alten Nachbarn“ nicht mehr da. Aufgrund ihrer Situation sind sie nicht in der Lage, neue Kontakte außerhalb der Wohnung aufzubauen. Seniorenbegleiterinnen kommen zu ihnen nach Hause und sind für ein paar Stunden für diese alten Menschen da als „Pfleger der Seele“.
l Häufig kommen die Patienten aus dem Krankenhaus heim, können sich aber noch nicht wieder vollständig selber versorgen und sind mit ihren Ängsten zur Zukunft und Überlegungen, was dann zu tun ist, alleine gelassen. Für diese Situation sollten eine Möglichkeit geschaffen werden dort, wo die Leistungen der Pflegedienste aufhören, ehrenamtliche Hilfen anzubieten. Das Motto „Seniorenbegleiter – Pfleger der Seele“ macht diesen Anspruch deutlich.
l Pflegende Angehörige sind häufig hoffnungslos überlastet. Sie haben keine freie Minute und können einen Gang zum Arzt oder Friseur oder einen Einkauf wegen ihrer Betreuungs- und Pflegeaufgaben kaum realisieren. Seniorenbegleiterinnen können stundenweise die Angehörigen entlasten.
l Seniorenbegleiterinnen und -begleiter kümmern sich um ältere, an Demenz erkrankte und depressive Menschen, die entweder zu Hause oder in den kooperierenden Einrichtungen, wie z.B. Altersheimen leben. Sie sorgen dafür, dass diese weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.
Die Partner
Das Freiwilligenzentrum „aktiv für Bad Nauheim e.V.“, unterstützt vom Fachdienstes „Soziales“ der Stadt Bad Nauheim sind zwei Institutionen, die sich mit der Lebenssituation von älteren Menschen auseinandersetzen.
Das Seniorenbüro im Fachdienst „Soziales“ der Stadt Bad Nauheim ist Anlaufstelle für ältere Bürgerinnen und Bürger. Es bietet allgemeine persönliche Sozialberatung für Senioren und Angehörige zu allen Themen und Fragen, die sich mit zunehmendem Alter ergeben. Dadurch haben die Mitarbeiterinnen einen guten Überblick darüber, an welchen Stellen und welche Art neue Hilfsangebote nötig sind.
Das "Freiwilligenzentrum - aktiv für Bad Nauheim e.V." wurde im Sommer 2005 von Bad Nauheimer Bürgerinnen und Bürgern als überparteilicher, gemeinnützig anerkannter Verein gegründet. Ziel ist, das ehrenamtliche Engagement in Bad Nauheim zu fördern und zu unterstützen. Das geschieht durch Beratung und Vermittlung von Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten an gemeinnützige Organisationen. Außerdem werden Projekte im sozialen Bereich initiiert und mit eigenen MitarbeiterInnen durchgeführt. Im Auftrag des Hessischen Sozialministeriums fungiert „aktiv für Bad Nauheim“ als Anlaufstelle für Qualifizierungen im Ehrenamt. Dafür bietet der Verein Seminare an, die entweder allgemein zugänglich sind oder von gemeinnützigen Organisationen für ihre eigenen Ehrenamtlichen nachgefragt werden.
Das Freiwilligenzentrum unterstützt vom Fachdienst „Soziales“ der Stadt Bad Nauheim qualifiziert Freiwillige unter dem Motto „Seniorenbegleiter – Pfleger der Seele“.
Das Freiwilligenzentrum ist eine vom Hessischen Sozialministerium anerkannte Anlaufstelle für die Qualifizierung von Ehrenamtlichen. Es nimmt bei dieser Ausbildung aber eine über die reine Qualifizierung hinausgehende Rolle ein. Es entwickelt passgenau das Curriculum, organisiert öffentliche Veranstaltungen zu dem Thema, begleitet die Teilnehmerinnen während der Ausbildung und während des späteren Einsatzes als Seniorenbegleiter. Außerdem stellt es die Kontakte zu den Organisationen her und leistet die Biographiearbeit im Vorfeld eines Einsatzes.
Die politischen Entscheidungsträger der Stadt Bad Nauheim begrüßen und unterstützen dieses Projekt ausdrücklich.
Die Qualifizierung
Die Ausbildung findet in zwei aufeinander aufbauenden theoretischen Phasen und zwei Hospitationen in unterschiedlichen Einrichtungen statt.
Inhalte der Ausbildung:
Der Basiskurs besteht aus 25 Unterrichtseinheiten und einem sechsstündigen praktischen Teil in einer kooperierenden Einrichtung.
l Einführung in das Thema „Alter“, physiologische Veränderungen Alterserkrankungen,
l Umgang mit altersbedingten Einschränkungen, Praxisübungen
l Pflegeversicherung
l die Rolle der Seniorenbegleiter, Tätigkeiten
l Gesprächsführung
l lokale Strukturen der Altenarbeit
l Abschied und Sterben
l Betreuungsrecht und Patientenverfügung aus Sicht des Arztes
l psychologisches Verhalten im Alter, demenzielle Erkrankungen
Der Aufbaukurs besteht aus 35 Unterrichtseinheiten und einer weiteren begleiteten sechsstündigen Praxisphase.
l Erste Hilfe bei Senioren / Notfälle erkennen
l Demenz, Arten und Ausprägungen
l validierende Kommuniaktion mit demenziell Erkrankten
l Therapiemöglichkeiten und Unterstützungsangebote für Menschen mit Demenz
l Umgang mit Menschen mit Demenz: biographische Arbeit (Grundlagen)
l Die Situation der Angehörigen
l Bewegung
l Gedächtnistraining
l kreatives Arbeiten, Ergotherapie
l psychische Erkrankungen (Depression)
Als Referenten kommen ausschließlich Fachkräfte aus der Praxis der Medizin, Sozialverwaltung, sozialer Fachorganisationen und der Freiwilligenarbeit zum Einsatz.
Das Freiwilligenzentrum organisiert die Unterrichtsstunden und begleitet die Teilnehmer während der gesamten Ausbildung mit Unterstützung des Fachdienstes „Soziales“ der Stadt Bad Nauheim.
Nach Beendigung der Ausbildung sind mindestens jährlich zwei Treffen zum Austausch und Weiterqualifizierungen geplant. Damit entspricht die Ausbildung den Vorgaben des Gesetzes über Inhalte und Länge einer Qualifizierung im Bereich des § 45b, SGB XI.
Die Teilnehmer erhalten nach dem Grundkurs und nach dem Aufbaukurs jeweils Zertifikate, aus denen die Unterrichtsinhalte hervorgehen. Sie unterzeichnen eine (rechtlich nicht bindende) Vereinbarung, nach der sie zwei Jahre lang ihr erworbenes Können und Wissen nach ihren Möglichkeiten einbringen.
Die praktischen Einsätze
Nach der Ausbildung können die Absolventinnen und Absolventen ihr Wissen entweder in Institutionen oder in Privathaushalten praktisch anwenden. Sie nehmen sich bei ihrer Tätigkeit als Seniorenbegleiter viel Zeit zum Reden mit den alten Menschen, hören zu und erledigen mit ihnen gemeinsam die Dinge des Alltags.
Der Personalschlüssel beträgt 1:1 bei den Einsätzen im häuslichen Bereich.
Vermittelt werden sie auf zwei verschiedenen Wegen:
1. das Freiwilligenzentrum vermittelt sie in Institutionen in Bad Nauheim, wie in
Altenheime oder Tagespflegeeinrichtungen.
2. der Fachdienst „Soziales“ entscheidet über Einsätze bei den alten Menschen im
privaten Bereich und kommt dabei auch für die notwendigen Versicherungen auf.